Motion Trio Acoustic Accordions Akordeony   Motion Trio Acoustic Accordions Akordeony
     

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Austria, Vienna, Gustav Adolf Cathedral Jazzeit @ 21 03 2002


13.10.2003 Autor: Manfred Horak / Jazzzeit Translate: Manfred Horak / Jazzzeit

Die Hände verschlossen sich automatisch. Die Kälte der Kirche und die Unbequemlichkeit der Holzbänke verführte zur Betstellung. Ob man wollte oder nicht. Der perfekte Kontrast zur sündigen Kirchenkälte wurde im beseelten Spiel dreier polnischer Akkordeonkünstler hergestellt. Seelenbalsam. Selig waren nämlich diejenigen, die Motion Trio spielen hörten – und das waren nicht wenige am Tag 16 des Akkordeonfestivals.

Austria, Vienna, Gustav Adolf Cathedral @ 21 03 2002
Austria, Vienna, Gustav Adolf Cathedral @ 21 03 2002
photo Motion Team

Die große Überraschung des Festivals, wenn man so will, bot das Motion Trio. Ohne große Erwartungen wollte man den ersten Part des Abends über sich ergehen lassen, und dann das. Was sie und vor allem in welcher Art und Natürlichkeit (denn der Begriff Technik wäre beim Trio nicht ganz richtig) Janusz Wojtarowicz, Pawel Baranek und Marcin Galazyn handwerkten überschritt zuweilen die Grenze bislang Gehörten im akkordeonistischen Spiel. Innovative (der Begriff ist bei diesem Trio tatsächlich gültig) Sounds entlockten die Drei dem Akkordeon. Im Gegensatz zu Akkordeonisten a la Hans Peter Falkner, die ihr Instrument mit Midi-Geräten und anderen technischen Firlefanzen verbinden, benötigen die drei Polen einzig und allein ihr Instrument.



Kriegscollage: Flugzeuggedröhn, Maschinengewehrsalven, marschierende Soldaten inklusive Militärorchester. Kriegsbilder, die beängstigend echt klangen, entlockten die Drei dem Akkordeon. „Das Stück war in 30 Minuten fertig. Wir waren ein bisschen betrunken, saßen vor dem TV-Gerät und sahen diese Kriegsbilder aus Tschetschenien. Wir stellten den Ton ab, griffen zu unseren Akkordeons und spielten zu den Bildern“, erzählte Janusz Wojtarowicz nach dem Konzert über die Entstehung des Kriegssongs. Nochmals: Bands wie Pink Floyd benötigen für solcherart Soundspektakel tonnenweise Equipment, das Motion Trio drei Akkordeons.



Dem um nichts nach stand „Der kurze Augenblick“ – eine Kindheitserinnerung eines verregneten und missglückten Zirkusbesuch. Ein trauriger Tag im Leben eines Kindes, hoch poetisch und dennoch Wortlos umgesetzt. Danach hoben sie endgültig ab, hatten die Nase voll von der Erde und gingen im Weltraum spazieren. „Weltraumflug“, „Sterne“, „Das kosmische Karussell“ und „Die kosmische Stille“, angelehnt an den Ambient-Sound von Brian Eno. Dort, wo die elektronischen Spielereien der deutschen Gruppe „Kraftwerk“ in die Statik verfiel, setzt das Motion Trio akustisch fort. Electronics ohne Elektronik, oder: Wer braucht schon Synthesizer?



Der Ausflug in den Kosmos war ein Ringelspiel der Gefühle, in abstrakter Schönheit und irritierender Formvollendung experimentellen Akkordeonspiels beschritten sie neue Wege mit neuem Sound und neuen Songs. „25 Prozent“, so Wojtarowicz, „war an diesem Abend Improvisation.“ Über die Zukunft des Akkordeonspiels meinte er: „Andere Instrumente wie Geige, Gitarre, Klavier wurden auf ihre Art bereits ausgereizt, da kann nicht mehr wirklich viel Neues entstehen. Ganz anders beim Akkordeon. Das wird jetzt erst so nach und nach entdeckt und experimentell gespielt. Die Akkordeon-Traditionalisten sind erschöpft und unser Ziel ist es, nie gehörte Töne dem Akkordeon zu entlocken, vollkommen neue Sounds und Formen zu entwickeln, auf CD und natürlich auch live umzusetzen. Live bedeutet unser Spiel eine besondere Herausforderung, denn im Studio kann man in gewisser Weise schummeln, nicht jedoch während eines Konzerts.“



Improvisiert war auch die Rückkehr zur Erde. Während die letzten Töne von „Die kosmische Stille“ ausklangen, erwachte ein Baby und führte mit dem Geschrei perfekt in das abschließende Lied „Das Erwachen“, bevor es in der Zugabe gleich wieder auf Reisebeobachtung ging. „Der Bahnhof“. Müßig zu schreiben, was man da alles sah, schloss man die Augen.



Motion Trio: Nicht nur die größte Überraschung, sondern auch der bisher beste Act des Akkordeonfestivals.



Die frei gesetzte Energie und Power vom polnischen Trio übertrug sich leider gar nicht auf das zweite Set. Die Vorlage war hoch, das finnische Maria Kalaniemi-Trio konnte dem nur wenig entgegen setzen. Anstelle befreit und locker zu agieren, verinnerlichte sich das Trio und bot ein relativ gehemmtes Set, das alles in allem nett wirkte, aber dennoch in ihrer Bravheit erstarrte.



Hochzeitslieder, Menuette, finnische Tangos und Polskas (nicht zu verwechseln mit Polka) finnisch-schwedischer Herkunft, die in die große Landschaft eintauchten, dort sich aber irgendwo verirrten. Die Kirche erkaltete zunehmend. Das Trio tauschte Leidenschaft mit Virtuosität und vergaß so, das Kirchenschiff mit ihrem Spiel erneut zu erwärmen. Die Akkordeonistin ließ ihren zwei Begleitmusikern Timo Alakotila am Flügel und Olli Varis an der akustischen Gitarre (die an diesem Abend tatsächlich zu Begleitmusikern degradiert wurden) kaum spielerische Freiheit, die zündenden Ideen, das Publikum erneut in den Bann zu ziehen (wie es eben dem Motion Trio gelang), fehlten.

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